Sonntag, Oktober 3, 2010

Fragen zur Netzneutralität: Die Antworten der Öffentlichkeit

Letzte Woche habe ich ein Etherpad mit den Fragen der Internet-Enquete zum Thema Netzneutralität gestartet und um Feedback gebeten. Hier gibt es nun ein paar der Reaktionen (ohne Autoren, da diese immer schwer nachzuschlagen sind, aber lassen wir die Argumente für sich sprechen).

Zur Frage der Auslastung von IP-Netzen

 

  • TK Netze basieren (teilweise) darauf das”nur” 20% aller angeschlossenen Teilnehmer gleichzeitig telefonieren koennen. Funktioniert auch. :-)
  • Was die Kapazitäten der Backbones angeht, (ich nehme an hiermit sind die Internet Exchanges gemeint), so habe ich vor einigen Wochen bereits mal einen Artikel hierzu geschrieben. Sie finden ihn auf meinem Blog:  http://www.piksa.info/blog/2010/09/04/bandbreite-als-argument-zur-netzneutralitat/
  • Beachten Sie bei der Debatte zur Netzneutralitätlität jedoch bitte, dass es sich natürlich auch um die Anbindung des jeweiligen Providers an den DE-CIX dreht. Ich führe den obigen Link dennoch auf, um aufzuzweigen, wie viel unbenutzte Peering-Kapazität zumindest am DE-CIX noch zur Verfügung steht. Achten Sie auch auf den Link ganz am Ende, von einem Sprecher des DE-CIX selbst. Dort wird die Wichtigkeit der Netzneutralität bestätigt und gesagt, dass der DE-CIX auf Netzneutralität Wert legt.
  • Die Gefahr besteht rein theoretisch mit jeder Ressource. (Siehe RAM,  HDD-Platz, Öl, Strom,  Wasser, etc….) Bisher hat die Praxis gezeigt das  der  Geschwindigkeitszuwachs des Netzwerkes stets mit dem Datenaufkommen   Schritt halten konnte. Die Befürchtungen gab und gibt es in der IT-Welt   immer und sind nicht nur auf die Netzwerkgeschwindigkeit begrenzt   gewesen. 
  • Ich erinnere mich daran, als Netscape plötzlich 4 Verbindungen gleichzeitig aufmachte und das Ende des Netzes drohte… sehen wir ja jetzt ;-) 
  • Ein Befürchtung das die  Netzwerke bzw. das Internet überlastet wird sehe ich nicht.

In welchen Bereichen ist am ehesten mit Engpässen zu rechnen?

  • Alle auf Funk basierenden Netze sind ein shared Medium. Hier wird es am ehesten zu engpaessen kommen. Dies kann man nur durch mehrere kleinere zellen entgegen mit weniger Benutzern

Wie sehen sie das Thema “Overprovisioning”? Wie sieht es bei wireless vs. wired networks aus?

  • Der Brightcove/TubeMogul Bericht (http://www.tubemogul.com/research/report/30) zeigt deutliche Indikatoren, daß die Nutzung von Videodiensten weiter stark wachsen wird. Da es sich bei der großen Mehrheit der Angebote um Progressive Download handelt, und nicht um Streaming, reagieren die ISPs mit Overprovisioning. Dieses skaliert aber sehr schlecht und läßt sich auch wirtschaftlich nicht auf Dauer darstellen. Daher wird es gemanagte Dienste für Multimediainhalte geben m¨üssen, um einen Übergang auf Streaming-Technologien zu ermöglichen, und das Overprovisioning zurückfahren zu können.
    • Wie würden solche gemanagten Dienste aussehen? Welche Auswirkungen würden diese worauf haben?
  • http://www.condition-alpha.com/Condition-ALPHA/Publications_-_Downoad,_Read,_Enjoy.html#widget3 Hier schlage ich Verbraucherlogos vor, mit denen die Dienste vergleichbar gemacht werden können.
    • Ich meinte mehr, was das für Auswirkungen für den Einzelnen hat. Was wird wir gemanagt? Was merke ich als Endnutzer? 
  • Warum ist Overprovisioning ein Problem? 
    • Es ist zu teuer fuer alle eventualitaeten genuegend Resourcen zu Verfuegung zu haben. Dies findet in anderen ‘wichtigen’ technischen Gebieten auch nicht statt. Bestes Beispiel sind Handy auf Gross-Events. Hier ist das netz auch regelmaessig ueberlastet. Siehe auch Autobahnen im Reiseverkehr. Keiner wuerde auf die Idee kommen 8spurige Autobahnen zu bauen weil zweimal im Jahr Stau ist.
    • Wenn das Video ruckelt, ist es aber evtl. ein Problem. Die Frage ist, wie gross der Bedarf für Overprovisioning bei welchen Services ist. Die Frage ist im Endeffekt natürlich, wer das bezahlt. Eigentlich ist das ja bei dem Thema eh die Grundfrage ;-)

Wie kann Engpässen begegnet werden, durch ein “Best-Effort-Prinzip” oder durch Netzwerkmanagement oder einen Mix?

  • Es wird eine Kombination aus beiden Ansätzen brachen. Die komerziellen Dienste werden sich im gemanagten Segment bewegen, während sich die NGOs usw. im best-effort Segment bewegen. Gemanagt kostet Geld für die QoS. Best-effort wird weiterhin als Flat-Rate abgegolten. Es muß aber sichergestellt werden, daß das best-effort Segment einen garantierten Mindestanteil an der Gesamtheit der Netzressourcen behält.
  • Wieso reicht es nicht, dass jeder so wie jetzt für seinen Anschluss das gleiche bezahlt? Und von welcher Seite sprechen wir hier? Anbieter oder Konsument? Wer muss was zahlen und warum?
  • Es muß mehr bezahlt werden, da die Infrastruktur aufgebohrt werden muß. In welcher Art und Weise auch immer. Entweder mehr Overprovisioning, oder Service Management. Der Basisdienst soll weiter das gleiche Kosten. Aber ein kleiner Aufpreis dafür, daß HD Video glatt läuft soll dazukommen. Bezahlen müssen den beide, der Konsument, und die TelCos und CellCos. Und zwar - wie gesagt - dafuur, daß der jeweils Andere dafür garantiert, daß der HD Video Stream auch auf der anderen Seite wieder abspielbar herauskommt.
    • Für mehr Bandbreite muss ich ja auch mehr zahlen, das find ich ja auch ok. Beim Abkassieren beim Anbieter wird es kritisch. 
    • Achtung: es soll nicht Google zahlen. Die TelCos untereinander sollen Entgelte für die gegenseitig zur Verfügung gestellte QoS entrichten. Google wird niemals in der Lage sein, Durchleitungsabkommen mit fast allen TelCos abzuschließen. Das schaffen nicht mal die.
    • Was ist der Status Quo? -> kein QoS
    • Sorry. Quality of Service. Also daß z.B. das Video nicht ruckelt.
    • Den Begriff kenn ich ;-) Aber was machen ISPs im Moment? Schliesslich funktioniert’s ja ganz gut soweit.
    • Sie schauen sich die TCP Verbindungen an und versuchen die bestehenden am Leben zu halten. Wenn keine Ressourcen mehr verfügbar sind, kriegst Du keine neue Verbindung mehr. Das ist genau das, was die Aktivisten fordern. Wer also die meisten TCP Verbindungen machen kann, gewinnt die Ressourcen. Funtiooieren tut das nur halbwegs wegen Overprovisioning. Wer, wie Google oder Apple, Multi-Milliarden DataCenter rund um den Globus betreibt, hat in diesem Spiel natürlich die besten Karten…
    • Wo genau fallen diese TCP-Verbindungen denn an? Ich meine auf Konsumentenseite sinds ja eher wenige, also geht es um die beim Anbieter? Oder irgendwo mittendrin?
    • Wenn Du eine Website aufrufst, macht Dein Browser eine auf. Viele Konsumenten machen in Summe auch viele Verbindungen. Es geht darum, daß Google und Dein Webbrowser um die gleiche Ressource wetteifern. TCP Verbindungen sind Ende-zu-Ende, also von Dir zu Hause, bis zum Server im Irgendwo.
    • Und Ressource ist Bandbreite? Verstehe auch nicht, warum man dem Kunden dann nicht einfach mehr für seinen Anschluss abnimmt, also unabh. vom Service. 
    • Nochwas: Wenn die Videos bei mir ruckelnd ankommen, muss der Provider halt Bandbreite ausbauen, da ich sonst wechseln könnte.

Wie kann Netzwerkmanagement in Zukunft aussehen und wer hat die Herrschaft darüber?

  • http://www.condition-alpha.com/Condition-ALPHA/Publications_-_Downoad,_Read,_Enjoy.html#widget3 Hier schlage ich Verbraucherlogos vor, mit denen die Dienste vergleichbar gemacht werden können. Für die QoS sollen aber nicht nur die Verbraucher bezahlen, sondern auch Up-/Downstream Provider für ihren durchgeleiteten Traffic.
  • QoS ist eine Mangelverwaltung wenn nicht genuegend Bandbreite zu Verfuegung steht. Telefondienste die skype funktionieren heute bereits ohne jegliche Priorisierung weltweit einwandfrei. Sofern Dienstklassen angeboten werden muss es dem Kunden ueberlassen werden fuer was er seine Bandbreite denn gerne einsetzen will.

Wo genau (welche Ebene) kommt Netzwerkmanagement zum Einsatz?

  • Einen Grund Netzwerktraffic mitzuschneiden sehe ich lediglich zur Fehleranalyse. Sofern unstimmigkeiten im Netz vorhanden sind ist es teilweise notwendig den Datenfluss zu ueberpruefen. Hierbei geht es aber nie um Nutzdaten der User sondern lediglich um die Ueberpruefung der Korrekten Abarbeitung von Protokollen. Sofern der Fehler gefunden ist werden diese Daten auch wieder geloescht.

Ist Netzwerkmanagement selbst schon ein Eingriff in die Netzneutralität?

  • Netzwerkmanagement ist erforderlich, um langfristig Leistungsfähigkeit des Netzes zu erhalten. Dabei muß berücksichtigt werden, daß nichtkommerzielle Dienste (Verbraucher, NGOs et al.) stets einen fairen Anteil an den Netwerkressourcen erhalten, um handlungsfähig zu bleiben. Darüber wie groß dieser Anteil sein soll, muß gesellschaftlicher Konsens erzielt werden.
    • Wie will man diesen Anteil denn definieren? Was ist mit einem Hobby-Podcaster, der plötzlich sehr erfolgreich wird? Muss der seinen Podcast aus Kostengründen dann einstellen? 
    • Welche konkreten Probleme entstehen bei fehlendem Netzwerk-Management?
  • Dienste und Datenpackete die zur Kontrolle des Netzes dienen und dieses auch im Fehlerfall noch leisten muessen gehoeren zum Netzwerkmanagement. Kontroll-Pakete die zur Stabilisierung und Ueberwachung der Leistungsfaehigkeit des Netzwerkes und der Infrastruktur dienen sind aus technischen Gruenden notwendig.

Welche Netzwerkmanagement-Maßnahmen sind bzgl. Netzneutralität problematisch?

  • Sofern Daten die nicht zu Steuerung und Erhalt des Netzwerkes zusaetzlich priorisiert werden die nicht zum Betrieb des Netzwerkes notwendig sind.

Welche Nachteile und Gefahren können von Verstößen gegen die Netzneutralität ausgehen?

  • Bei einem Wegfall der Netzneutralitaet kann es die gleichen folgen haben wie derzeit im Handy Netz. Ein Provider wird fuer “Roaming” von Packeten von anderen Provider Geld verlangen. Dies wird sicherlich auf die Nutzer umgelegt werden.

Auswirkungen auf den Markt, wenn nach Dienstklassen und/oder Anbietern unterschieden wird?

  • Sofern ein grosser Konzern ausreichend Geld zu Verfuegung hat seine Datenpackete zum Endkunden priorisieren zu lassen kann er sich somit einen wettbewerbsvorteil verschaffen. Wenn vom Anbieter X das Video nicht ruckelt nur weil dieser seine Packete Priorisieren laesst und von Anbieter Y der nicht soviel Geld hat aber vielleicht den besseren Ideen/Innovationen wird es schwer sein sich zu behaupten. Generell wird es fuer Start-UP schwierig bis unmoeglich sein Ihre Konkurrienden Dienste zu vermarkten.
  • Hier muesste der Kunde entscheiden ob er von Anbieter X oder Y die Priorisierung denn gerne haette und nicht umgekehrt.
    • Du meinst, Spiele nur gegen Aufpreis? 
      • Nicht nur Spiele. Alles was irgendwie bei einer Priorisierung zu gute kaeme.
    • Und so eine Diskriminierung wäre ok? Ich kann nur tagesschau online schau, wenn ich dafür extra bezahle? Und bedeutet das nicht auch, dass man den Netzwerk-Traffic dazu analysieren muss? Reicht es nicht, nur die Bandbreite auszusuchen, die man braucht? 
      • Was ist daran diskrimierend. Ich sage ich will von Anbieter X eine Priorisierung. Genauso wie ich meinen Provider fuer daheim waehle aber eben nicht nur von dem Datenpackete erhalte aus dem Netz sondern der mir sie nur bis zu mir weiterleitet. Mit tagesschau online anschauen hat das nix zu tun, das geht auch so.
      • Soll heissen: Bei meinem ISP kommt alles gleichberechtigt an, aber er filtert mir das noch so, wie ich das haben will

Sehen Sie den Zugang zu einem gleichberechtigten, nicht-diskriminierenden Internet als Versorgungsleistung, vergleichbar mit der Versorgung mit Strom oder Wasser?

  • Ja. Als Informations, Kommunikations und Nachrichtenquelle wird das Internet als Grunddienst wie Telefon, Radio und Fernseh-Empfang gleichzusetzen sein.Angebote von staatlichen Einrichtungen wie ARD/ZDF und Behoerden sind ja bereits im Internet frei verfuegbar. Teilweise haben die Leute eher einen PC wie einen Radio daheim.
  • Für bestimmte Programme zahl ich natürlich auch evtl. etwas.. aber auch schwer zu vergleichen, da die Rundfunklandschaft nicht frei ist. Ich zahl aber auch für flickr. 
  • Strom/Wasser evtl. besseres Beispiel, soweit die Leitungen da auch neutral sind und ich mir den Anbieter aussuchen kann. Aber auch das hinkt, da nur eine Dienstleitung über diese Netze geht. 

Wer noch weitere Anmerkungen hat, kann diese gerne in den Kommentaren oder aber direkt im Etherpad ablegen.

    Anmerkungen

    1. von eidg gepostet